Wie Händels "Messias" entstand
 
 
 
 
 
-ein Beispiel für ein Channeling eines großen, bekannten Meisters-

Der große Komponist Georg Friedrich Händel konnte weder gehen noch seine rechte Hand bewegen noch eine Note schreiben. Eine Gehirnblutung hatte seine rechte Seite gelähmt. Die Ärzte machten ihm wenig Hoffnung auf Genesung.

Händel ging nach Aachen, um Heilbäder zu nehmen. Die Ärzte warnten ihn davor, sich jeweils länger als drei Stunden in dem heißen Wasser aufzuhalten, da das den Tod für ihn bedeuten könne. Er nahm trotzdem Bäder von neun Stunden und langsam kam wieder Kraft in seine erschlafften Muskeln. Er konnte wieder gehen, seine Hand bewegen.
In einem Schaffensdrang schrieb er in rascher Folge vier Opern. Von neuem wurde Händel mit Ehrungen überhäuft.

Als aber Königin Caroline, seine unentwegte Gönnerin, starb, gingen seine Einkünfte wieder zurück. Ein eisiger Winter hielt England in seiner Gewalt, und da die Theater nicht heizbar waren, wurden alle Verträge gelöst. So sank Händel tiefer und tiefer in Schulden. Der schöpferische Funke erlosch und mit noch nicht sechzig Jahren fühlte er sich alt und lebensmüde. Planlos und ruhelos wanderte er allnächtlich durch die winterlichen Straßen Londons. In seinem Gemüt stritten Hoffnung und Verzweiflung. Vor einer Kirche, die in der Dunkelheit undeutlich vor ihm aufragte, blieb er stehen. Bittere Gedanken stiegen in ihm auf: Warum ließ Gott meine Auferstehung zu, wenn meine Mitmenschen mich abermals begraben? Warum gewährte er mir neues Leben, wenn es mir nicht mehr vergönnt ist zu schaffen?

So kehrte er hoffnungslos in seine armselige Wohnung zurück. Beim Eintreten sah er ein dickes Paket auf dem Schreibtisch liegen. Er erbrach das Siegel und riss die Verpackung auf. Hm, ein Libretto: "Ein geistliches Oratorium". Händel knurrte. Von diesem zweitrangigen, verhätschelten Dichter Charles Jennens. Da war auch ein Brief: Händel möge sogleich mit der Arbeit an dem Oratorium beginnen - und er schloss mit den Worten: " Der Herr gab den Auftrag."

Händel knurrte abermals. Gleichgültig blätterte er in dem Text. Da sprang ihm eine Stelle in die Augen: "Er war verachtet und verschmäht von den Menschen…Er schaute um sich, ob nicht einer Mitleid mit ihm hätte, aber da war niemand, noch fand er einen, der ihn stärkte." Händel las weiter: "Er vertraute auf Gott… Gott ließ seine Seele nicht in der Hölle… Er wird dir Ruhe geben."
Die Worte begannen Leben anzunehmen und sich mit Sinn zu erfüllen. "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt…Frohlocke…Halleluja!"
Händel fühlte das alte Feuer wieder aufflammen. Wunderbare Klänge überstürzten sich in seinem Inneren. Er griff nach der Feder und begann zu schreiben. Mit unglaublicher Schnelligkeit füllte sich Seite um Seite mit Noten. Am nächsten Morgen fand ihn sein Diener über den Schreibtisch gebeugt. Er stellte das Tablett mit dem Frühstück in Reichweite und schlich auf den Zehenspitzen hinaus. Als er mittags wiederkam, war das Frühstück noch unangetastet.

Es folgte eine sorgenvolle Zeit für den treuen Diener. Der Meister wollte nichts zu sich nehmen. Er griff wohl nach einem Stück Brot, zerdrückte es aber in der Hand und ließ es zu Boden fallen, und schrieb und schrieb die ganze Zeit. Zwischendurch sprang er auf und stürzte ans Cembalo. Dann lief er wieder mit großen Schritten auf und ab, fuchtelte mit den Armen in der Luft und sang aus voller Kehle: "Halleluja! Halleluja!", während ihm die Tränen über die Wangen liefen.

"So habe ich ihn noch nie gesehen", vertraute der Diener einem Freunde an. "Er starrt mich an und sieht mich nicht. Die Tore des Himmels, sagt er, hätten sich ihm aufgetan und Gott selber sei über ihm. Ich fürchte, er wird wahnsinnig."

Vierundzwanzig Tage arbeitete Händel wie ein Besessener, fast ohne Ruhe und Nahrung, dann fiel er erschöpft aufs Bett. Auf seinem Schreibtisch lag die Partitur des "Messias", des größten Oratoriums, das je geschrieben wurde.

Er schlief siebzehn Stunden lang wie betäubt. Der Diener dachte, er liege im Sterben, und holte den Arzt. Aber noch ehe der kam war Händel schon auf und verlangte mit Donnerstimme etwas zu essen. Fast gierig griff er nach den kräftigen Speisen, trank wie ein Verdurstender das Bier und zündete sich seine Pfeife an. Den Arzt empfing er mit herzhaftem Lachen: "Wenn Sie als Freund kommen, gut und schön", rief er; "aber herumdoktern an mir lasse ich nicht! Mir fehlt nicht das Geringste!"

Der "Messias" aber trat bald einen Sieges- und Segenszug durch die Welt an. Und sonderbar genug: Der mittellose Meister wollte nicht einen Schilling für dieses Werk annehmen. Der Ertrag sollte den Armen zugute kommen und den verlassenen Kindern in einem Findelhaus.

Der "Messias" galt Händel als ein Wunder Gottes; ihn selbst hatte er aus der tiefsten Verzweiflung aufgerichtet, jetzt sollte er die Hoffnung der Welt sein.

Auch London, das den Meister fast vergessen hatte, war begierig, das Werk zu hören. Bei der ersten Aufführung geschah etwas Ungewöhnliches: Während des "Halleluja" erhoben sich die Zuhörer, dem Beispiel des Königs folgend, und blieben bis zum Schluss stehen, ein Brauch, der sich bis heute erhalten hat.

Im "Messias" hat Händel eine Fackel entzündet, die in aller Welt das Dunkel auf Erden erleuchtet, solange es Stimmen gibt, die sich im Gesang erheben, und Augen, die zu den Bergen emporschauen, und Herzen, die hoffen.

Nach D.K. Antrim Aus: "Lesen und Lauschen" - ein hessisches Schulbuch für das siebte und achte Schuljahr von 1961